Das Schweigen unserer Mütter – und warum wir jetzt laut sind

Wie viele andere hatte auch ich, ein völlig falsches Bild von der Menopause. Menopause ist was für „alte Frauen“. Das geht mich jetzt noch nichts an.

In Wirklichkeit ist die Menopause keine Pause, sondern das Ende. Das Ende der Gebärfähigkeit. Die tritt nicht plötzlich ein, sonder ist ein langer, schleichender Prozess. Die Perimenopause beginnt oft schon Ende 30 oder Anfang 40, lange bevor die letzte Periode eintritt. Hormone schwanken, der Körper verändert sich auf vielfältige Weise. Als ich selbst damit konfrontiert war, war ich überrascht, wie normal und gleichzeitig wie wenig bekannt dieser Prozess ist.

Als meine Mutter endlich anfing zu sprechen


Meine Mutter hat mir neulich eine Geschichte erzählt. So beiläufig, wie man Dinge erzählt, die man zwanzig Jahre lang nicht angerührt hat.

Sie stand auf dem Flur. Ihr Chef sprach mit ihr – irgendwas Wichtiges, irgendwas, das ihre volle Aufmerksamkeit verlangte. Und während sie nickte und zuhörte und professionell aussah, lief ihr der Schweiß am Körper runter. Sie stand da und brannte innerlich und hat kein einziges Zeichen nach außen gegeben.

Zwanzig Jahre später sagt sie: „Das war furchtbar.“

Aber damals hat sie geschwiegen.

Das unsichtbare Erbe

Meine Oma sagt bis heute, sie habe die Wechseljahre kaum gespürt. Ich glaube ihr das nicht, aber ich verstehe es. Ihre Generation hatte genau eine Strategie: Zähne zusammenbeißen, funktionieren, nicht auffallen. Schwäche zeigen galt als Versagen. Also hat sie geschwiegen. Und wenn sie heute sagt, sie habe nichts gespürt, dann ist das vielleicht die einzige Version der Geschichte, mit der sie leben kann.

Bei meiner Mutter liegt die Sache anders. Sie hat gespürt. Sie hat gelitten. Sie hat auf dem Flur geschwitzt und dabei freundlich genickt. Aber sie hat es niemandem erzählt – nicht ihrem Mann, nicht ihren Freundinnen, nicht mir.

Nicht weil sie es vergessen hatte. Sondern weil man darüber nicht sprach.

Das Schweigen wurde weitergegeben. Nicht absichtlich. Nicht böswillig. Aber es wurde weitergegeben – von Mutter zu Tochter, von Generation zu Generation. Frauenprobleme sind privat. Die Periode war schon immer ein Tabu. Ihr Ende erst recht.

Warum niemand gewarnt hat

Als ich die ersten Veränderungen bemerkte, war ich unvorbereitet. Nicht ein bisschen, sondern komplett. Die Schlafstörungen, die Hautveränderungen, die plötzliche Reizbarkeit, das Gefühl, dass irgendetwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ich dachte ernsthaft, mit mir stimmt etwas nicht.

Dabei ist es das Normalste der Welt. Millionen Frauen durchlaufen genau das. Aber niemand hatte mir das gesagt. Meine Mutter nicht. Meine Oma nicht. Nicht mal die Medizin war besonders hilfreich. Jahrzehntelang (wohl eher Jahrhundertelang) wurden Wechseljahr-Symptome bagatellisiert, wegerklärt, nicht ernst genommen.

Wer über Beschwerden klagte, galt schnell als hysterisch. Wer schwieg, galt als stark.

Das Ergebnis: Wir stehen da. Allein. Ohne Karte für ein Terrain, das unsere Mütter schon durchquert haben und über das sie nie gesprochen haben.

Warum wir jetzt reden – und warum das zählt

Ich spreche heute offen über meine Perimenopause. Nicht als Heldin, nicht als Vorbild. Einfach als Frau, die verstanden hat, dass ich das Schweigen meiner Mutter nicht weiterführen muss.

Wir sind die Generation, die das ändern kann. Nicht weil wir besser sind als unsere Mütter, sondern weil wir andere Möglichkeiten haben. Wir haben einander. Wir haben langsam eine Medizin, die anfängt zuzuhören. Und wir haben die Erfahrung, wie es sich anfühlt, unvorbereitet zu sein.

Redet mit euren Müttern. Nicht um ihnen Vorwürfe zu machen, sondern um zu verstehen, was sie durchgemacht haben. Vielleicht erzählen sie euch Dinge, die sie zwanzig Jahre lang nicht angerührt haben. Vielleicht lernt ihr etwas über euch selbst dabei. Und vielleicht gebt ihr das Gelernte und die Erfahrungen weiter, an eure Töchter, an eure jüngeren Freundinnen, an die Frauen, die nach uns kommen.

Damit sie nicht mehr unvorbereitet dastehen.

Meine Mutter beginnt jetzt langsam zu sprechen. Das ist ein Anfang. Wir können noch viel weiter gehen.


Hast du das Schweigen auch erlebt? Und was hättest du dir gewünscht, von den Frauen vor dir zu hören?

Hinweis: Das Beitragsbild in diesem Artikel wurde mit seedream-5.0-lite von ByteDance generiert.

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